Was ist Latanoprost?
Latanoprost ist ein synthetisches Analogon des Prostaglandins F2α (PGF2α) und wird als Augentropfen mit 0,005 % gegen das Offenwinkelglaukom und die okuläre Hypertension verkauft. Sein Profil örtlicher Nebenwirkungen, allen voran die Wimpernhypertrichose mit längeren, dickeren und stärker pigmentierten Wimpern, weckte schon Anfang der 2000er-Jahre das Interesse der Trichologen.
Aus diesen augenärztlichen Beobachtungen entstand eine einfache Frage: Wenn Latanoprost die Wimpernfollikel anregt, könnte es dann dasselbe mit den Follikeln der Kopfhaut tun? Präklinische Studien an Makaken und Mäusen bestätigten ein Haarwachstum nach örtlicher Anwendung. Damit war der Weg zu den ersten klinischen Studien am Menschen frei (Blume-Peytavi et al., 2012).
Was Latanoprost von den übrigen Alopeziebehandlungen unterscheidet, ist sein prostaglandinerger Wirkweg, der von der Androgen-DHT-Achse völlig unabhängig ist. Es hemmt die 5-alpha-Reduktase nicht und greift nicht an den Androgenrezeptoren an. Es setzt unmittelbar an der Biologie des Haarfollikels an, über Prostaglandinrezeptoren.
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Welche Konzentration wurde untersucht?
Die einzige verfügbare randomisierte klinische Studie zu Latanoprost, äußerlich auf der Kopfhaut bei androgenetischer Alopezie angewendet, arbeitete mit einer Konzentration von 0,1 %, also dem 20-Fachen der üblichen ophthalmologischen Konzentration (0,005 %).

Die Autoren weisen darauf hin, dass diese Konzentration von 0,1 % einer Dosis entspricht, die 3,6-mal niedriger liegt als die in den vorhandenen Daten intravenös vertragene Dosis, und deshalb als ohne nennenswertes systemisches Risiko gilt (Blume-Peytavi et al., 2012).
⚠️ Wichtiger Hinweis. Das Erythem bei 5 von 16 Patienten (31 %) im behandelten Areal führt die Autoren zu dem Schluss, dass 0,1 % nahe an der höchsten vertretbaren Dosis liegt. Künftige Studien müssen klären, welche Konzentration Wirksamkeit und Verträglichkeit am besten verbindet.
Wirkt Latanoprost?
Das ist die zentrale Frage der randomisierten Doppelblind-Pilotstudie von Blume-Peytavi et al. (2012) an 16 Männern mit leichter bis mittelschwerer androgenetischer Alopezie (Hamilton II–III). Jeder Teilnehmer diente sich selbst als Kontrolle: ein Areal mit Latanoprost, ein Areal mit Placebo.
Quantitative Ergebnisse (TrichoScan)

Klinische Ergebnisse
Nach der klinischen Gesamtbeurteilung (Dichte, Länge, Dicke, Pigmentierung) verteilen sich die Teilnehmer so (Blume-Peytavi et al., 2012):

Bei den Respondern bessert sich die Haardichte zuerst, meist zwischen Woche 12 und 16, danach folgen Dicke, Länge und Pigmentierung (Blume-Peytavi et al., 2012).
Ein eigener Mechanismus, eine mögliche Ergänzung
Da Latanoprost nicht auf den Androgenweg wirkt, kommt es theoretisch für eine Kombination mit Minoxidil oder Finasterid infrage, denn die beiden Behandlungen greifen an unterschiedlichen biologischen Zielen an. Diese mögliche Synergie muss in eigenen klinischen Studien noch bestätigt werden.
Die Nebenwirkungen von Latanoprost
Die Verträglichkeit von äußerlich angewendetem Latanoprost auf der Kopfhaut ist insgesamt akzeptabel, verdient aber Aufmerksamkeit, vor allem wegen der pigmentierenden Wirkung.
Was die Studie berichtet
Bei 16 über 24 Wochen begleiteten Teilnehmern traten bei 8 Personen insgesamt 9 Hautnebenwirkungen auf (Blume-Peytavi et al., 2012):

Nur die Rötungen halten die Prüfärzte für möglicherweise dem Produkt zuzuschreiben. Alle Patienten mit einem Erythem sprachen dennoch gut auf die Behandlung an. Die örtliche Entzündungsreaktion hat die Wirksamkeit also offenbar nicht beeinträchtigt (Blume-Peytavi et al., 2012).
Besondere Risiken, die Sie kennen sollten

⚠️ Der entscheidende Punkt zur Pigmentierung. Latanoprost hat eine belegte melanogene Wirkung. Auf der Kopfhaut kann das bedeuten, dass sich Haare und Haut dunkler färben. Damit sollten Sie rechnen, besonders bei hellem oder ergrauendem Haar. Bei Kontakt mit den Augen ist die Hyperpigmentierung der Iris dagegen irreversibel.
Welche Profile wurden untersucht?
In der Literatur dokumentierte Profile
Die Studie von Blume-Peytavi et al. (2012) wurde ausschließlich an jungen Männern (23–35 Jahre) mit leichter bis mittelschwerer androgenetischer Alopezie (Hamilton II–III) durchgeführt. Nur für dieses Profil liegen klinische Daten vor.

Ab wann sind Ergebnisse zu erwarten?
Die TrichoScan-Daten zeigen schon nach 8 Behandlungswochen einen ersten signifikanten Unterschied zum Placebo. Spürbare klinische Effekte (Dichte, Dicke) treten bei Respondern meist zwischen Woche 12 und 16 auf. Die vorliegende Studie lief insgesamt 24 Wochen, ohne Daten dazu, ob die Wirkung nach dem Absetzen anhält (Blume-Peytavi et al., 2012).
Fazit
Äußerlich angewendetes Latanoprost gehört zu den ungewöhnlichsten und am wenigsten bekannten Mitteln im Arsenal gegen die androgenetische Alopezie. Sein Reiz liegt in einem Wirkweg, der sich von allen anderen verfügbaren Behandlungen radikal unterscheidet.
Das Wichtigste in Kürze:
- Es erhöht die Haardichte in 24 Wochen um 22 %, gegenüber 10 % unter Placebo (p = 0,0004 gegenüber Placebo; p < 0,001 gegenüber Studienbeginn). Der erste signifikante Unterschied zum Placebo zeigt sich schon nach 8 Wochen (p = 0,03; Blume-Peytavi et al., 2012)
- 50 % der Patienten zeigen ein gutes klinisches Gesamtansprechen (Dichte, Länge, Dicke, Pigmentierung)
- Es wirkt, indem es über Prostaglandinrezeptoren neue Follikel in den Wachstumszyklus holt, ein Mechanismus, der sich von Minoxidil und Finasterid vollständig unterscheidet
- Es hat eine belegte pigmentierende Wirkung auf Haar und Kopfhaut, die vor Behandlungsbeginn abzuwägen ist
- Die Verträglichkeit ist insgesamt akzeptabel, häufigste Nebenwirkung ist das örtliche Erythem (31 % der Teilnehmer bei 0,1 %)
- Die Datenlage bleibt dünn: eine einzige Pilotstudie an 16 jungen Männern mit leichter bis mittelschwerer androgenetischer Alopezie, ohne direkten Vergleich mit Minoxidil oder Finasterid
Äußerlich angewendetes Latanoprost ist ein vielversprechender therapeutischer Ansatz, besonders für Patienten, die eine nicht-hormonelle Ergänzung suchen, oder für alle, bei denen konventionelle Behandlungen nicht anschlagen. Wo genau es einzuordnen ist, müssen größere Studien noch klären. Die vorliegenden Daten rechtfertigen es jedoch, das Mittel in einem therapeutischen Gespräch mit einem auf Trichologie spezialisierten Dermatologen anzusprechen.
Zitierte Quellen
- Blume-Peytavi U. et al. A randomized double-blind placebo-controlled pilot study to assess the efficacy of a 24-week topical treatment by latanoprost 0.1% on hair growth and pigmentation in healthy volunteers with androgenetic alopecia. J Am Acad Dermatol. 2012;66:794–800.





Wie wirkt Latanoprost?
Der prostaglandinerge Weg im Haarfollikel
Prostaglandine sind Lipidmediatoren, die zahlreiche biologische Vorgänge steuern. Im Haarfollikel ziehen verschiedene Prostaglandine den Haarzyklus in entgegengesetzte Richtungen:
Als Analogon von PGF2α aktiviert Latanoprost die FP-Rezeptoren in den Follikelzellen. Es stößt eine Signalkaskade an, die die Follikelaktivität stützt.
Der Mechanismus der Follikelrekrutierung
Die Studie von Blume-Peytavi et al. (2012) zeichnet ein genaues Bild: Die TrichoScan-Daten zeigen, dass Latanoprost die absolute Zahl der Haare sowohl in der Anagen- als auch in der Telogenphase erhöht, ohne das Anagen-Telogen-Verhältnis deutlich zu verändern. Die Autoren werten das als Beleg dafür, dass Latanoprost neue Follikel in den Wachstumszyklus holt, statt lediglich die Anagenphase vorhandener Follikel zu verlängern.
Wirkung auf die Pigmentierung
Bemerkenswert ist die Wirkung von Latanoprost auf die Melanogenese im Follikel. In der Studie zeigten 4 von 16 Teilnehmern eine sichtbar stärkere Pigmentierung der Haare im behandelten Areal, und bei 1 Teilnehmer pigmentierte sich die Kopfhaut selbst. Dieser Effekt auf die Haarfarbe, für die Wimpern längst gut belegt, scheint also auch auf der Kopfhaut aufzutreten (Blume-Peytavi et al., 2012).